“Hihi. Der hat vergessen den Motor anzumachen.”

Ich sitze auf der Rückbank eines außergewöhnlichen Autos. In einem Tesla Model S, ein ausschließlich elektrobetriebenes Auto. Unter der Motorhaube findet keine Diesel- oder Benzinverbrennung statt, kein Lärm ertönt nach der Zündung des Motors. Das Gefühl beim Losfahren war schon sehr komisch. Der Mitarbeiter von Tesla auf dem Beifahrersitz sprach nur “So, jetzt aktivieren wir das Fahrzeug mal. Treten Sie bitte auf die Bremse.” Ich sehe wie am Armaturenbrett orangene, grüne und blaue Lichter aufleuchten.

Es folgen noch ein paar Hinweise zum Umgang mit einem Elektroauto. Es stehen sofort 100% der Leistung zur Verfügung – mit Vorsicht zu genießen. Der “Kriech-Modus” wie man ihn bei Anfahren eines Autoamtikautos kennt, ist wahlweise möglich, unser Testfahrzeug hat ihn ausgeschalten. Ein leichter Druck auf das Pedal und es geht also los. Das Gefühl ist zunächst irritierend. Rollen wir nun, weil wir ein wenig am Hang standen oder wurde tatsächlich Energie hinzugeführt? Nur der Fahrer bekommt ein wahres Gefühl von dem, was sich abspielt. Ich sitze hinten und merke nur wie wir absolut still und nahezu ohne Reibung losfahren. Das Gefühl kenne ich beim Losfahren des Zuges aus dem Bahnhof, aber dennoch ist es ganz anders.

Aufgeräumt und übersichtlich – die Displays

Erst als wir auf die viel befahrene Straße abbiegen, treten erste Abrollgeräusche ein, man spürt den Fahrwind durch das offene Dachfenster. Die gesamte Konfiguration des Fahrzeuges findet über ein 17″-großes Display statt. Das Dachfenster wird somit “aufgewischt”, der Radiosender (Wahlweise AM, FM, Internet oder DAB+) ist über die Suchfunktion schnell gefunden. Für die Routenplanung steht Google Maps zur Verfügung. Zur dauerhaften Verbindung mit dem Internet ist eine Sim-Karte im Gerät verbaut. In Staus lässt sich somit auch die Wartezeit auf den Lieblingswebseiten gut vertreiben.

tesla_lenkrad

Während der 30minütigen Fahrt werden verschiedene Features vorgestellt. Alles wie gesagt über das Display erreichbar. Im gesamten Fahrzeug finden sich eigentlich keine Knöpfe, auch das schon mehrmals erwähnte Armaturenbrett ist eigentlich ein weiteres Display hinter dem Lenkrad. Wählt man bei der Konfiguration des Fahrzeuges das Tech-Paket, wird hier immer im linken Feld das Offline-Navi angezeigt. In der Mitte ist der Tacho wie eine Uhr zu sehen. Zwischen 6 und 12 Uhr wird die Geschwindigkeit angezeigt, zwischen 12 und 3 Uhr der Energieverbrauch. Auf 3 Uhr befindet sich jedoch die Nullmarke, da auch Energie regeneriert werden kann, beispielsweise bei einer Fahrt bergab.

Die Sichtweise auf die Dinge überdenken

Man muss sich sein Fahrverhalten durchaus überdenken, sollte man auf ein Tesla umsteigen wollen. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 80 km/h soll ein Model S 500 km schaffen können. Tatsächlich sind es natürlich weniger km, wie uns auch die Mitarbeiter von Tesla bestätigen. Die Laborwerte sind wie immer mit Vorsicht zu genießen. Tatsächlich schafft man in Deutschland mit einer durchschnittlichen Reisegeschwidnigkeit von 160 km auf der Autobahn gut 400 km bis die Energie verbraucht ist. Und was dann? Das Netz an Supercharger-Stationen wird in Europa kontinuierlich ausgebaut. Sie werden taktisch so aufgestellt, dass sich weite Strecken problemlos erschließen lassen. Innerhalb von 30 Minuten soll man wieder auf 80% der Energie kommen, so der amerikanische Hersteller. Zu Hause kann man das Fahrzeug in der Garage einfach an den Starkstromanschluss hängen und über Nacht laden. Selbst an die 230V-Buchse lässt er sich hängen, dann braucht er aber durchaus 24 Stunden für eine volle Ladung. “Mal eben schnell tanken gehen” ist also nicht mehr drin. Oder den kostengünstigen Sonntag zum Sprit holen ausnutzen. Man macht sich im Süden Deutschlands auf den Weg in den Norden und muss durchaus zwei Pausen zum Laden einkalkulieren. Eigentlich eine sehr gute Sache, da man dann endlich mal zum Rasten gezwungen wird. Ein kleiner Snack, ein Toilettenbesuch oder ein Stadtbummel – durchaus möglich, die Supercharger sind gut gelegen.

So wie jedes Fahrzeug hat auch ein Tesla Model S seine Vor- und Nachteile. Dass er keine CO2-Emissionen verursacht und nahezu Ressourcenunabhängig funktioniert, ist für mich bereits Vorteil genug. Die Ruhe – die ich persönlich sehr wertschätze – sind ein schöner Nebeneffekt und die moderne Ausstattung ein Geschmacksempfinden, das aber sehr gerne angenommen wird. Ganz billig ist er nicht, die Ersparnisse (Vergünstigungen, keine Benzinkosten usw.) werden bei der Konfiguration online bereits mit einkalkuliert. Und dennoch ist er scheinbar das erste ernstzunehmende Elektroauto. Fahrer eines Teslas werden schnell zu Fans ihres eigenen Autos und berichten von ihren Erlebnissen. So ist ein Norweger sehr aktiv auf YouTube und nimmt uns mit auf seine Fahrten durch Skandinavien.

YouTube-Kanal von Bjørn Nyland

Für das kommende Jahr sind das Model X und eine Allradvariante des Model S angekündigt. Auch das Netz an Superchargern soll weiter wachsen. Tesla ist meines Erachtens auf dem richtigen Weg. Politik und Gesellschaft setzen sich zunehmend mit Umweltthemen auseinander, was auch sehr richtig ist. Es gibt gute aber auch schlechte Ideen zur Förderung alternativer Fahrzeuge, aber Hauptsache ist doch, dass sich überhaupt etwas tut.


EDIT 23:35

Sebbo hat via Twitter einen Kommentar zum Artikel gegeben, den ich freundlicherweise auch hier einbinden darf:

CC BY-SA 4.0 Irgendwas zwischen MacBook und Raumschiff von Fabian Felbick ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Fabian

Baccalaureus Oeconomiae. Kommunikator, Pfadfinder und bodenständiger Erdbewohner. Interessiert an Skandinavien, der Raumfahrt, Podcasts und Medien sowie spektakulären Ereignissen wie der re:publica.